Monday, December 3, 2012

Essen+Kultur=Esskultur

Hier mal ein kleiner Einwurf zum Thema Essen.
Wie die meisten wissen werden, mag ich Essen. Nicht nur als Nahrung in meiner Funktion als dicker Mensch, sondern als Teil einer Kultur, als soziales Werkzeug mit Funktion und als Genussmittel. 
So wie ich das sehe, ist essen in Deutschland eher zur Nahrungsaufnahme gedacht. Es ist organisiert. Um XUhr gibt es Frühstück, um XY Uhr gibt es Mittagessen, um XYZ Uhr Abendbrot. Man setzt sich hin, ißt, und geht wieder seines Weges. Wenn das Essen bei einem nicht so läuft, wird man seltsam angeschaut, das weiß ich aus Erfahrung. Ich erinnere mich an Familien, in denen beim Essen nicht gesprochen werden durfte, in denen es nichts zu trinken dazu gab und solche, in denen gegessen werden musste, was auf den Tisch kommt und zwar bis auf den letzten Krümel... Hat mich als Kind geschockt weil bei uns Essen (glücklicherweise) immer ein soziales Zusammenkommen war. Einmal am Tag am Abend schön alle Mann an den Tisch, leckeres Essen, gesundes Essen, viel Reden, fast immer mit Freunden, lange am Tisch sitzen quatschen, in den Resten picken, ein Glas Wein dazu. Wir wußten auch immer wo das Essen herkommt. Kein Kind meiner Mutter hat je gedacht, Erdbeeren wüchsen an Bäumen oder Milch käme aus dem Supermarkt. Das Ferienhaus auf dem Lande hat uns nicht nur den Fernseher erspart, sondern uns auch beigebracht, das warme Milch quasi direkt aus der Kuh mit Rahm lecker ist, und wie und wann Salat und Kartoffeln wachsen. Danke dafür, Ritzerau.
 Auf dem Weg zur Uni: Lass eine 100yen Münze da und nimm Dir frische Blumen oder nen Beutel Gemüse. Super!
Ich finde die Idee, Essen als reines Nahrungsmittel zu betrachten fast schon tragisch. Das hat vielleicht ein McDonalds Happy Meal verdient, nicht aber leckeres Gemüse das lange gewachsen ist und ein Gericht, das mit viel Liebe zubereitet wurde. Ich finde, jeder Bestandteil eines Essens sollte bewundert und genossen werden. Das beginnt mit dem Einkauf und gilt besonders für Fleisch, das schließlich mal ein lebendes Tier war und deswegen extra Respekt verdient. Ich wünschte, ich hätte die Zeit, die Möglichkeit und das Geld mit mein Essen bei einem Bauern zu kaufen der das selber angebaut, geerntet, geschlachtet, hergestellt hat. Das wäre mein Traumeinkauf. 
Tatsächlich vermisse ich in Deutschland diese Liebe zum Essen, nicht nur zum in-den-Mund-stecken, kauen, runterschlucken. Da wird gekauft was billig ist (nicht verwerflich, muss ich ja auch) oder aber, was Bio ist. Das eine wird also (meist, ich pauschalisiere mal) ohne Blick auf Qualität gekauft, das andere eher mit Blick auf ein Image. 
In Japan gibt es tatsächlich kaum Bio. Einige wenige, kleine Shops habe ich gesehen, die meisten beschäftigen sich mit Babynahrung und Kosmetik. Warum mag das sein? Ist den Japanern ihr Essen egal?
Im Gegenteil. Das meiste Essen hier ist schon Bio, nur ohne Siegel. Und aus der Region. Überall sieht man, selbst in großen Städten wie hier in Tokyo, kleine Gemüsefelder oder Obstplantagen mit Trauben, Äpfeln, Birnen. Fast jeder Vorgarten hat einen Obstbaum. Das meiste Gemüse das hier zu kaufen ist, ist saisonal gerade verfügbar und wächst wenigstens irgendwo in Japan.
 Random Beete und Obstbäume
Saisonal ist ein super Stichwort: Das wird hier ganz groß geschrieben. Die Jahreszeiten sind hier nicht nur eine Sache, die man hinnimmt, nein, man feiert und bewundert sie. Der Frühling kommt, ui, da müssen wir die Blüten anschauen gehen. Im Herbst? Schönes Herbstlaub betrachten. Wer Sarahs Blog anschaut stellt fest, dass das nicht nur eine kleine Gruppe von Connaisseurs ist, die das betreibt. Das machen alle. Und mit einer neuen Jahreszeit kommt auch neues Essen (wer gut ist und genug Geld und Platz hat, hat für jede Jahreszeit auch anderes Geschirr). Jetzt wo es kalt wird, gibt es überall Oden, eine Suppe voller seltsamer Dinge die oft aus Fisch gemacht werden. Auch gerade angesagt wie nichts gutes: Zeug aus Maronen. Alles gibts mit Maronengeschmack. Großartig! Und geröstete Süßkartoffeln. Und Nabemono, dicke Suppen mit lecker Fleisch, Kartoffeln und so, nicht kalorienarm aber warm! Klingt das nicht schon herrlich und lecker winterlich?
 Unser Sukiyaki: Auch ein Nabemono
Und jede Zutat wird einzelnd geschmeckt, unabhängig von der Jahreszeit. Meist gibt es nicht viele Zutaten, selten Gewürze (abgesehen von Sojasauce), der Geschmack ist nicht so stark, eher zart und ganz fein, etwas subtiler als, sagen wir, eine dicke deutsche Mehlschwitze (gegen die ich gar nichts habe...). Man erfreut sich also an einer Schüßel Reis mit frischem Lachs und Ikura, gewürzt nur mit ein bißchen Sojasauce. Das klingt fast langweilig, sind wir doch eine wilde Mischung aus Saucen, Gewürzen und Zutaten gewohnt, ist aber ein Gaumenschmaus weil man den Fisch richtig schmeckt, die Ikura Perlen voller Wonne im Mund zerplatzen lassen kann.
Die Japaner genießen ihr Essen. Ganz anders als Deutsche das tun, glaube ich.  So viele Fischsorten wie hier habe ich, als Hamburgerin deren Stadt sich für Fischesser hält, noch nie gesehen. Und es wird fast alles von einem Tier verwendet. Selbst Fischflossen werden hier getrocknet zum Glas Bier am Abend gesnackt. Auch das begrüße ich.
 Mini-Tintenfische, getrocknet als Snack zum Bier
Ein Beweis für die Liebe der Japaner zum Essen ist meiner Meinung nach das Anstehen für ein Restaurant. Man kann das für eine gewisse Schafigkeit oder Fähigkeit zum Sich-fügen sehen, ich glaube eher, dass wenn die wissen, dass ein Restaurant, oder ein besonderes Gericht dort, gut sein soll, dann lohnt es sich für Japaner einfach auch, darauf zu warten. Deutsche sehen ein volles Restaurant und gehen einfach ins nächste weil das den Hunger genauso gut stillen wird.
Der Unterschied der Esskulturen wird auch deutlich in dem Essen, das mitgenommen wird. Deutsche Kinder bekommen ein Butterbrot mit in die Schule, vielleicht einen Joghurt, wenn die Eltern gesundheitsbewußt sind einen Apfel oder eine Banane. In Japan ist das Bentô-Machen eine Kunst. Ein Mann wird selten das gleiche Bentô mit zur Arbeit bekommen wie seine Tochter. Er bekommt etwas, das gesund ist und stattmacht, sie bekommt ein schönes, mit bunten Farben, gesunden Zutaten etc. Ein kleines Kind bekommt von seiner Mutter (die Hausfrau ist) vielleicht sogar ein schönes Bentô in dem der Reis das Gesicht von Anpanman ist. Und ein Bentô ist immer ausgewogen, optisch und nährwerttechnisch. Eingepackt in eine schöne Bentô-Box, die wiederum ist eingewickelt in ein hübsches Furoshiki. Das hat nichts damit zu tun, dass deutsche Mütter ihre Kinder oder ihren Mann weniger lieben, das ist einfach eine Frage dessen, wie man mit Essen umgeht und wie wichtig es ist, dass das Essen schön, lecker und ausgewogen ist.
Octopus Bento. Nicht meins, leider. Hier gefunden.
Essen to-go? Gibts hier kaum. Selbst wenn man sich nicht hinsetzen und es dort essen kann wo es verkauft wird, wird das erstandene Essen meist heimgetragen und dort verspeist (oder irgendwo anders, Büro, was weiß ich). Ich seh ja nicht mal Leute mit Kaffeebechern in der Bahn morgens oder auf der Straße.
Tatsächlich ist das Servieren des Essens hier nach wie vor ein kleiner Akt. Ich erinnere mich noch mit Freude an das Sonntags-Service meiner Großmutter. Wenn das Essen besonders war, gab es besonderes Geschirr.
Gibt es hier quasi immer. Schüßeln und Schalen, Becher und Teller werden mit Sorgfalt ausgesucht, meist nicht "zusammen passend", immer so schön. Und wie oben schon erwähnt, bestenfalls zur Jahreszeit passend. Und das Essen wird nicht auf einem Teller angerichtet, vielleicht den Salat extra. Hier hat alles sein eigenes Gefäß. In einem guten Restaurant (und selbst in den weniger guten) ist das Menü sorgfältig arrangiert, von der Farbe zum Geschmack bis zum Schälchen. Oft bekommt man erklärt, in welcher Reihenfolge oder Kombination man etwas am besten isst damit es die beste Wirkung hat.
Erinnern wir uns an Sushi wie es auch in Deutschland gegessen wird. Man bekommt Fisch auf Reis, dazu Sojasauce, geriebenen Wasabi und eingelegten Ingwer. Essen soll man das damit es den bestmöglichen Geschmack hat so: Die Fischseite des Sushi in die mit Wasabi vermengte Sojasauce dippen und essen. Mmhh, genießen, Sojasauce und Wasabi bringen den zarten Geschmack des Fisches schön heraus. Dann etwas Ingwer essen um den Geschmack aus dem Mund zu bekommen um Platz für den nächsten zu machen und um den Mund zu erfrischen. Das ist ein raffiniertes System! Wer kann mir ein deutsches Gericht nennen, um das sich diesbezüglich soviel Gedanken gemacht wurde?
Tatsächlich habe ich seit ich hier bin noch nichts gegessen, das nicht wirklich lecker war. Und ich war nicht in teuren Restaurants. Ganz im Gegenteil.
Dass Ausgewogenheit hier eine ganz andere Rolle spielt, zeigt meiner Meinung auch, dass es meist zum Essen, auch in billigen Restaurants, einen Salat oder eingelegtes Gemüse und eine Misosuppe (und Tee oder Wasser) dazu gibt. Nur selten bekommt man nur das bestellte Gericht und wenn, ist das meist in sich selbst schon perfekt ausbalanciert.
 Fisch, eingeletes Gemüse, frisch geriebener Rettich, Reis und Misosuppe
Noch ein Punkt an dem zu sehen ist, dass den Japanern Essen wichtig ist: Sie reden darüber. Ständig. Essen ist nicht nur ein Teil des Lebens den man hinnimmt um nicht zu sterben, nein, es ist ein Ereignis. Wer etwas schönes gekocht, etwas leckeres gegessen hat, berichtet darüber seinen Freunden. Es gibt unzählige Zeitschriften zum Thema essen und kochen, es gibt Bücher, Filme, Fernsehserien die sich damit beschäftigen, kaum ein Fernsehprogramm kommt ohne Essen aus.
"Und, was hast du am Wochenende gegessen?" ist hier keine seltsame Frage.

Von ganz traditioneller japanischer Küche, kaiseki ryôri fang ich jetzt hier gar nicht an. Das ist wie Zen in Schüßeln. Nur lecker.

Nur dass wir uns hier richtig verstehen: Ich mag deutsches Essen. Ich freu mich über Bratkartoffeln oder Braten, Gulasch mit Knödeln und buttrige Saucen so sehr wie jeder andere. Ich finde auch nicht, dass Japan das beste Land der Welt ist und habe hier nichts auszusetzen. Nur, ein Unterschied im Umgang mit Essen fällt einfach auf. Vermutlich ist das auch der Fall, wenn man sich mal die französische oder italienische Esskultur vornimmt und mit der deutschen vergleicht. Und die ist da schon etwas trocken und etwas langweilig. Fast schon etwas lieblos. Da ich ein bißchen bessessen von Essen bin, ist mir das leicht obsessive Verhalten der Japaner im Umgang mit Nahrung einfach etwas sympathischer.
/Foodrant over/

2 comments:

  1. Vielen Dank für den Artikel und Deine Gedanken

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  2. Danke! Für das Lob und deine Sichtweise aufs Essen. Ich hasse es wenn Leute ihr Essen einatmen und nicht geniessen. Habe in letzter Zeit im Fernseher so viele Leute schlecht essen gesehen :-)

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